Sauer? Na und! Was ein Boden in der Brauerei- und Getränkeindustrie aushalten muss

Seligenstadt, 12.5.2015 Wenn im nordrhein-westfälischen Dülmen das Telefon klingelt, wissen die Mitarbeiter von Uwe Schlahn ziemlich genau, woher der Anrufer kommt: aus der Pharma-, Lebensmittel- oder Getränkeindustrie. Wie im Fall der Glaabsbräu, deren Anfrage Anfang des Jahres aus dem 300 Kilometer entfernten Seligenstadt anflatterte. Robert Glaab, Chef der Traditionsbrauerei in der 9. Generation, war gerade im Begriff eine neue Brauerei zu bauen und brauchte Spezialfliesen. Denn in einer Brauerei gibt es neben den allgemeinen Hygienestandards auch spezielle Anforderungen an die Belastbarkeit und Beanspruchung. Tatsächlich ist das Thema so komplex, dass man dafür spezielles Know-how über Chemie, Statik, etc. braucht.

Uwe Schlahn ist seit über 30 Jahren im Geschäft und einer der wenigen Anbieter, die diese säurefesten, extrem belastbaren Spezialbodenbeläge verlegen. Entsprechend häufig waren er und seine Mitarbeiter auf Baustellen quer über den Globus unterwegs – über Südamerika, Curacao bis nach Nigeria und Vietnam. Doch zurück zur Glaabsbräu – immerhin 271 Jahre alt – im historischen Seligenstadt, das heuer seinen 1.200-jährigen Geburtstag feiert und zu den 100 ältesten Städten Deutschlands zählen soll.

Drei Wochen sind in dem straffen Zeitplan angesetzt für die rund 580 m2 Fläche, die Vorarbeiter Ulrich Kümper mit seinem routinierten, fünfköpfigen Team auch einhalten wird. Am Ende werden zwei Mitarbeiter 58.000 Fliesen verlegt haben. Das wären 1.866 Stück sauber verlegte Sechseckfliesen pro Mitarbeiter und Tag oder 233 pro Stunde, wenn sie denn ausschließlich Fliesen verlegt hätten, was natürlich nicht der Fall ist in Anbetracht der Vor- und Nacharbeiten. Doch der Reihe nach.

Gutes Fundament für starke Belastbarkeit

Mit einer Höhe von 14-19cm ist dieses Spezialmörtelbett mehr als doppelt so hoch wie normale Estriche. Zusätzlich werden dem Sand und Zement im sogenannten Zwangsmischer Stahlspäne und eine spezielle Haftemulsion untergerührt. Sie machen diesen Estrich noch stabiler und damit belastbarer. Schließlich sollen hier zukünftig zwei voll ausgelastete Sudhäuser und 26 Tanks stehen. Denn Glaabsbräu will das bisherige Sortiment ergänzen um mehr Spezial- und Craftbiere, d.h. zu den bekannten Bieren noch mehr Sorten in kleineren Margen einbrauen. Das Gesamtvolumen der Behälter liegt knapp unter 2000 Hektolitern. Das entspricht einem Maximalgewicht von ca. 195.000 kg. Also etwa so viel wie 325 Vollblut-Pferde oder 130 Mittelklassewagen. Die 2cm starken Hexagonal-Steinzeugfliesen sind nicht glasiert, um Absplitterungen zu verhindern und zudem doppelt so dick wie übliche Fliesen, um der thermischen Belastung besser standzuhalten. Diese Sechseck-Form ermöglicht eine perfekte Gestaltung unebener Böden (hier: mehrere Abflussgefälle) und ein sauberes Fugenbild von weniger als 3 Millimeter, was wiederum die Angriffsfläche reduziert und für chemische Beständigkeit sorgt.

Säurebeständig, antibakteriell und hygienisch

Spannend wird es beim Verfugen. Denn der Boden soll laut Hersteller locker 30 Jahre halten, dabei Bakterien und Pilzen den Spass an der Vermehrung verderben und vor allem säure- und laugenhaltigen Flüssigkeiten (Reinigungsmittel) Paroli bieten. Hierfür werden die Fugen mit einer speziellen (Quarz-)Sandkörnung gemäß „Sieblinie“ aufgefüllt und der Boden so lange mit (in diesem Fall) Epoxidharz geflutet, bis der Untergrund gesättigt und die Fugen gefüllt sind. Wer schon einmal Harz an den Fingern kleben hatte, wird ahnen, welche Fleißarbeit das Entfernen des überschüssigen Harzes darstellt, das in mehreren Arbeitsgängen und mittels eines speziellen Reinigungsverfahrens durchgeführt wird.

Kaum sind die Fliesen auf dem extra schnell trocknenden Estrich verlegt und elektromechanisch verdichtet, geht es auch schon durchgetaktet weiter. Denn eine längere Wartezeit oder größere Verzögerung wären fatal: Der Lieferant steht am Chiemsee schon in den Startlöchern und will die fertige Brauanlage pünktlich zum vereinbarten Termin liefern und aufbauen. Schließlich soll nach etwa fünfmonatiger (Um-)Bauzeit im Sommer schon das erste Glaabsbräu aus der neuen Brauerei fließen.

Siehe hierzu auch unsere Fotogalerie.

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